Die Prämisse – Mama, machsu da?

Das Löwenmädchen spielt auf dem Teppich im Wohnzimmer mit den Steckblumen. Seit etwa acht Minuten. Und seit etwa acht Minuten richtet sie immer wieder dieselbe Frage an mich:

„Mama, machsu da?“

Ich schließe kurz die Augen. Sämtliche Variationen von „Auf der Couch sitzen“, „Kaffee trinken“ und „Pause“ hab ich schon durch. Gestern hatten wir 17 Mal ein und dieselbe Antwort. Macht keinen Unterschied. Ich frage mich, ob es der Seele meines Kindes irgendeinen Schaden zufügt, wenn ich gar nicht antworte und sie einfach eine Weile ignoriere. Die Antwort: ihrer Seele vermutlich nicht, aber meiner restlichen Kaffeepause ganz sicher.

„Ich denke über meine Prämisse nach“, sage ich schließlich. Und überraschenderweise war das genau das, was ich getan hatte, bevor sie mit ihrem Fragespiel anfing.

Noch viel überraschender: Das Löwenmädchen schaut mich mit einem Blick an, als würde sie genau verstehen, mit welchen tief komplexen Gedankengängen ich mich bei diesem Thema auseinandersetze. Sie nickt zufrieden (und auch irgendwie wissend) und spielt für die nächsten 15 Minuten still vor sich hin. Oooookay …

Nachdem das erste Manuskript bereits zur „Begutachtung“ beim Verlag liegt, hatte ich schon vor einiger Zeit angefangen, mich mit der zweiten HELL-Akte zu beschäftigen. Die ersten drei Kapitel, Prämisse, Exposé, Kapitelaufbau, was es da eben so zu tun gibt.

Heute Morgen auf dem Weg vom Kindergarten zur Arbeit ist mir dann eine Szene eingefallen, die ich gerne mit in eines der ersten Kapitel aufnehmen möchte.

Auf dem Rückweg von der Arbeit zum Kindergarten kam mir allerdings der Gedanke, dass diese Szene nicht so hundertprozentig mit der Prämisse des Romans harmoniert.

Ich werde mit meinem Text nicht ins Detail gehen, aber meine Gedanken zum Thema Prämisse kann ich mit euch teilen. Wikipedia sagt dazu folgendes:

„Als Prämisse (lat. praemissa „das Vorausgeschickte“) oder Vordersatz bezeichnet man in der Logik eine Voraussetzung oder Annahme. Sie ist eine Aussage, aus der eine logische Schlussfolgerung gezogen wird.

Beispiel:

Aus „Alle Menschen sind sterblich“ und „Alle Griechen sind Menschen“ folgt „Alle Griechen sind sterblich“.

Die beiden erstgenannten Aussagen sind dabei die Prämissen, die letztgenannte Aussage ist die Konklusion oder Schlussfolgerung.“

(Auszug aus Wikipedia, Artikel: https://de.wikipedia.org/wiki/Pr%C3%A4misse )

Die armen Griechen!

Fassen wir jedenfalls zusammen: Es geht um die logische Annahme oder besser Schlussfolgerung eines Romans.

Der Autor James N. Frey widmet der Prämisse und ihrer Bedeutung für Geschichten in seinem Buch „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“ ganze 20 Seiten. Ich habe schon vor Jahren alle 20 brav gelesen und ich habe verstanden, dass die Konklusion bei einem Roman der Showdown ist.

Die Kapitel (also der Inhalt) müssen alle so ausgelegt sein, dass sie logisch erklären, warum es im Showdown so kommen musste, wie es kommt.

Folglich ist die Prämisse im Roman eine Leitschnur, an der sich der Text ausrichten kann (und auch sollte). Sie sorgt für die Konsistenz und die „Dichte“ einer Geschichte. Je dichter, desto besser.

Soweit, so logisch. Aber seien wir doch mal ehrlich: Wenn man dann mit seiner eigenen Geschichte (Thema, Figuren, Konflikten, verschiedenen Entwicklungsebene und auch noch Spannungsbögen) da sitzt, ist diese doch eigentlich ganz hilfreiche Leitlinie oft eine ganz schön „friggelige“ Sache!

Ich denke schon eine Weile darüber nach, ob sich für dieses komplexe Ding nicht ein ganz einfaches Bild finden lässt, mit dem mein leicht zu verwirrendes Gehirn besser umgehen kann. Sowas wie ein Backrezept z.B.

Prämissen sind wie Backrezepte:

Wenn man einen Zitronenkuchen (Roman) backen will, dürfen nur Zutaten (Kapitel, Szenen) rein, die zum Grundgeschmack eines Zitronenkuchens passen.

Klappt aber nicht.

Nehmen wir als Beispiel folgende Prämisse: „Wenn man sich von seinen Freunden helfen lässt, bekommt man jedes Problem in den Griff“

Ich schreibt also nur Szenen, in denen der Held weiter kommt, wenn er mit seinen Freunden zusammenarbeitet – und solche in denen er auf der Stelle tritt, wenn er das nicht tut. Das Bild mit dem Backrezept passt soweit.

Jetzt kann ich aber an meinem Bösewicht aufzeigen, dass der am Ende verliert, weil er glaubt alles alleine machen zu können. Macht die Geschichte noch dichter und funktioniert prima im Roman.

Aber nicht mit dem Rezept. Wenn ich Barbecue Soße in meinen Kuchenteig schütte, beweist dass zwar hervorragend, dass man das besser lassen sollte, aber essen will den dann keiner mehr!

Backrezepte sind also kein gutes Bild für Prämissen. Auch die Steckblumen, mit dem mein Löwenmädchen so gerne spielt, wollen nicht wirklich passen.

Ich gebe diesen gedanklichen Versuch also fürs erste auf. Wenn mir dazu irgendwann doch noch etwas Gutes einfallen sollte, lasse ich es euch wissen. Oh, und wenn ihr ein funktionierendes Bild habt, das den Umgang mit Prämissen einfacher macht, schreibt mir das bitte (in den Kommentar oder per Email).

Was ich jedenfalls in den letzten Jahren bei meinen Projekten gelernt habe: Die Prämisse sollte so früh und so bombenfest wie nur irgend möglich feststehen. Auf den Punkt genau formuliert. Wenn ich sie zu schwammig ausdrücke, oder mich irgendwie nicht so richtig wohl damit fühle, bekomme ich im Laufe der Kapitel ein Problem.

Während ich also dem Löwenmädchen zugucke, wie sie versucht eine orangene Blume in eine blaue zu stecken und dabei nicht den richtigen Ansatzwinkel findet, überlege ich, wie ich die neue Szene in die Leitlinie meiner Prämisse eingehakt bekomme und ob meine Prämisse in sich stabil genug aufgebaut ist, oder doch noch einmal umformuliert werden muss.

Das Thema lässt mich den ganzen restlichen Tag nicht mehr los.

Über Bilderbüchern und Duplosteinen gleiche ich gedanklich den geplanten Showdown mit der Prämisse ab, beim Wäschezusammenlegen überprüfe ich jedes einzelne bereits geschriebene Kapitel.

Beim Abendessen denke ich über die neue Szene nach ( und werfe aus Versehen ein Wasserglas um, was das Löwenmädchen zu entzückten Lachsalven treibt) und beim Gute-Nacht-Fläschchen entscheide ich dann endlich die Szene doch erst einmal raus zu lassen und vielleicht für eine spätere Verwendung aufzuheben.

Das Löwenmädchen liegt schließlich im Bett und ihre Augen fallen immer wieder von selber zu. Ganz kurz bin ich versucht zu fragen: „Schatz, was machsu da?“ Aber dann greift sie nach meiner Hand, kuschelt sich ein und sagt: „Tute Naaat.“

„Schon gut mein Mädchen“, denke ich und lächle leise. „Ich weiß schon, was du machst: Lernen und wachsen … und ich, ich mach das auch.“

 

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