Interview mit Anke Gasch – Chefredakteurin der Federwelt

Als ich das erste Mal auf Anke Gasch von der Federwelt traf, hatte ich die Augen fest zusammengekniffen und wartete gespannt was passieren würde. Ich rief nämlich in der Redaktion an und stellte mich mit dem Satz vor: „Hallo, ich bin Jasmin und ich versuche einen Verlag zu verführen.“

Von der anderen Seite des Hörers klang ein schallendes Lachen herüber. Aber eines, bei dem man sich nicht ausgelacht vorkommt, sondern eher so fühlt, als hätte man etwas cooles, oder angenehm überraschendes gesagt. Eine so direkte und ehrliche Reaktion brachte mich erst einmal aus dem Konzept, trotzdem wurde es ein sehr ausführliches Gespräch und als ich am Ende aufgelegt hatte, dachte ich: „Was für ein tolles Telefonat und was für eine tolle Frau.“

Heute hat sich das mit der „Verlagsverführung“ erledigt und der Blog hat einen ganz anderen Namen, deshalb freue ich mich umso mehr, dass sich Anke Gasch zu einem Interview mit mir bereit erklärt hat.

Jasmin Pond: Frau Gasch, Sie erwähnten während unseres Telefonates, dass Sie selbst einen eher ungewöhnlichen Werdegang haben. Wie kam es also dazu, dass Sie Chefredakteurin der Federwelt wurden?

Anke Gasch: Wie kam es dazu? Das frage ich mich in der Tat selbst heute noch ab und zu. Denn ich habe schon immer gern geschrieben, wollte nach dem Abi auch gern Journalismus oder Grundschullehramt studieren. Aber dann hat mein Vater (Jahrgang 1923) gesagt: „Du kriegst eh mal Kinder. Du lernst erst mal was Vernünftiges, womit du dich selbst ernähren kannst. Und wenn du dann immer noch studieren willst, legst du los.“

Ich war Industriekauffrau und zum zweiten Mal in Elternzeit, als das Schreiben mich wieder gepackt hat. Mit Glossen rund ums turbulente Familienleben habe ich angefangen, es haben sich Türen geöffnet, wundervolle Menschen haben mir Chancen gegeben. Ich habe Fehler gemacht, gelernt, mich als freie Autorin etabliert, bei der ersten „Feder“ mitgemacht, einem Schreibwettbewerb, den die Federwelt ausgeschrieben hatte. Ich belegte den zweiten Platz mit „Affentheater“ und bekam als Honorar dafür ein Handbuch und Handtuch für AutorInnen. Beides brauchte ich dringend, wusste das allerdings nicht. Aber das ist eine andere Geschichte.

Sandra Uschtrin, die Herausgeberin der Federwelt, fragte mich damals, was ich sonst noch gern machen möchte, schreibtechnisch gesehen. Und als ich erwiderte „Für Kinder schreiben“, hatte ich schwupp meinen ersten Interview-Auftrag von ihr in der Tasche. Wir lachen heute noch darüber. Das Interview mit der Literaturagentin Susanne Koppe war bis dato das längste, das je in der Federwelt erschienen war.

Danach fiel mir ständig was Neues ein, was man Tolles ins Heft bringen könnte, wie viel Arbeit damit verbunden ist, war mir gar nicht bewusst. Auch das ist ein Lacher. Mit der Serie „Aus- und Fortbildung für AutorInnen“ habe ich mir eine komplette Weihnachtsauszeit zerschossen, aber egal, das Ergebnis war es wert.

Und irgendwann hat Sandra mich gefragt, ob ich mir vorstellen könne, Chefredakteurin zu werden. Ich wehrte damals erst mal ab. Hatte ja weder ein Germanistik- noch sonst ein Studium vorzuweisen. Und unsere Jüngste steckte mitten im ersten Kindergartenjahr, das, in dem die Eltern alle Infektionen einmal mitmachen. Sandra wollte auf mich warten. Und dann kam die unbändige Lust auf diesen Job, die mich bis heute fest im Griff hat.

Jasmin Pond: Und wie haben die Menschen in ihrem persönlichen Umfeld reagiert, als Sie ihnen erzählt haben, sie wollen Chefredakteurin einer Zeitschrift für „Schreiberlinge“ werden?

Anke Gasch: Es gab zwei Fraktionen: die „Habe-ich-es-doch-gewusst-dass-du-mal-so-was-schaffst!“-Fraktion. Und die eher zweifelnde: „Du hast das ja gar nicht studiert, also gelernt. Ob du das dann auch kannst?“ Wobei mir im Umgang mit den Gedanken der letzteren sehr geholfen hat, dass ich weder Ehe noch Kindererziehung irgendwo gelernt habe und sagen kann: läuft. … Auch dank Fortbildung. Was die Chefredaktion angeht, waren für mich die praxisnahen Seminare von besonderem Nutzen, die Irene Rumler bei der Akademie der Deutschen Medien anbietet.

Jasmin Pond: Die Federwelt ist 2005 vom Uschtrin Verlag übernommen worden. Seitdem ist die Auflage von 1500 Exemplaren auf 5000 geklettert. Sind Sie mit der Größe und den Inhalten da angekommen, wo Sie hin wollten?

Anke Gasch: Mit den Inhalten sind wir in weiten Teilen da, wo wir hinwollen. Wir haben ganz hervorragende, fähige, erfahrene, nette (diese Liste könnte ich endlos fortsetzen) Autorinnen und Autoren im Team und immer auch neue, neugierige, offene Leute dabei, die ehrlich von ihren Erfahrungen erzählen mögen. Namen nenne ich jetzt nicht, weil ich dann immer irgendeinen oder irgendeine vergessen würde. Daher einfach: Danke, danke, danke an mein tolles Team, das immer mitdenkt, mir auch gern mal widerspricht und an anderer Stelle wieder so zu mir steht, dass kein Blatt zwischen uns passt.

Zur Größe: Ich habe da gerade die Zahl 10.000 ausgegeben. Wie ich gerade auf diese Auflagenhöhe komme? 25.100 Schreibinteressierte beziehen unseren Autorenwelt-Newsletter „Preise & Stipendien“, es gibt immer noch viele auch etablierte AutorInnen, die die Federwelt noch nicht kennen und nach meinen völlig unwissenschaftlichen Erhebungen träumt jeder Dritte davon, ein Buch zu schreiben.

Langfristig sehe ich die Federwelt als eine inspirierende Mischung aus Schreiblern- und Branchenfachblatt. Als ein Heft, auf das niemand verzichten möchte, egal an welchem Punkt in seiner Karriere er gerade angekommen ist. Dafür arbeite ich daran, mein Netzwerk zu erweitern, noch mehr tolle AutorInnen für uns zu begeistern und wenn es irgend geht, die Federwelt auch in Radio und Fernsehen zu bringen, sie auf möglichst vielen Kanälen bekannt(er) zu machen.

Jasmin Pond: Und persönlich, welcher Aspekt liegt Ihnen an der Zeitschrift am meisten am Herzen? Ist es eher der Punkt die Leute zu erreichen, oder sich mit den unterschiedlichsten Themen des Schreibens zu beschäftigen, oder vielmehr so etwas wie ein bisschen Ordnung und eine Richtschnur zu bieten?

Anke Gasch: Ui, wie viel Platz habe ich? Damit könnte ich fast ein Buch füllen. Leute zu erreichen, klar, das steht mal an erster Stelle. Ich mache das Heft ja nicht dafür, dass ich es allein auf der Gartenbank lese. Ebenso natürlich möchte ich allen AutorInnen etwas bieten: SchreibanfängerInnen wie gestandenen Profis: von MidlistautorInnen bis zu denen, die Bestseller verkaufen. Da ist es mit dem Gut-Schreiben allein nicht getan, es kommen Organisationsthemen hinzu, Vertragsangelegenheiten, Honorarfragen, das Marketing will bedacht sein, dabei soll der Rücken gesund bleiben, die Politik will auf unsere Interessen aufmerksam gemacht werden und, und, und.

Wichtig ist mir, dass wir umfassend und ehrlich informieren, wobei die Inspiration nie zu kurz kommen darf, dass wir mit Motivations-Stoff so oft wie möglich die Brücke vom Denken zum Handeln bauen, dass es – bei aller sachlich-fachlichen Kompetenz – immer auch Spaß macht, das Heft zu lesen. Wenn ich Herz und Hirn und Grinsemuskeln in einem Heft anspreche, dann bin ich zufrieden.

Die Federwelt soll Schreibenden das Leben leichter machen. Der Gedanke stand auch hinter unserer neuen Rubrik, dem „Agentenschaufenster“. Mal locker auf einen Blick sehen: Wäre das ein Literaturagent, eine Literaturagentin für mich? – Ja, vielleicht ist das genau der übergeordnete Herzens-Aspekt, nach dem Sie fragten …

Jasmin Pond: Über meine eigenen kleinen Niederlagen, wie die letzte Absage, habe ich hier ja schon ausführlich geschrieben. Welche Hindernisse und Rückschläge gab es auf Ihrem Weg und wie konnten Sie die überwinden?

Anke Gasch: Ich neige dazu, es allen recht machen zu wollen. Inzwischen habe ich gelernt, dass das nicht immer möglich ist. An echte Rückschläge erinnere ich mich nicht. Als Schläge empfinde ich nur Mails, die die sachliche Form der Kritik hinter sich lassen und mich und meine AutorInnen als Menschen entwerten. Zum Glück kommen die selten vor. Ich beantworte allerdings auch diese und nehme die Wut oder Empörung, die hinter diesen Äußerungen steht und die mit dem jeweiligen Leben des Schreibenden zu tun hat, sehr ernst.

Hindernisse? Ein Hindernis auf dem Weg, heiße Infos ins Heft zu bekommen, ist immer wieder die (durchaus berechtigte!) Angst von AutorInnen, die Hand, die sie nährt, zu beißen. Oder die Angst von VerlagsmitarbeiterInnen etwas preiszugeben, was ihnen beruflich schadet. Da dauert es dann manchmal ewig, bis ein Text abgesegnet ist, durch alle Instanzen eines Verlages hindurch. Wir arbeiten daran, die Informationen, die mit dieser Angst einhergehen, dennoch in die Federwelt einfließen zu lassen. Ohne, dass die Informanten erkennbar sind. Als Wegbereiter sehen wir, dass wir Vertrauen aufbauen, verlässlich sind und unser Netzwerk stetig erweitern.

Jasmin Pond: Was war das Außergewöhnlichste, was Ihnen im Zusammenhang mit der Federwelt (oder dem Schreiben) je passiert ist?

Anke Gasch: Mit dem Schreiben: Dass immer jemand an mich geglaubt hat, wenn ich es selbst gerade nicht oder nicht mehr getan habe und dadurch immer neue Türen aufgegangen sind.

Jasmin Pond: Und hatten oder haben Sie einen Lieblingsartikel oder eine Lieblingsausgabe der Federwelt?

Anke Gasch: Ja. Jedes Heft ist mein Lieblingsheft. Das klingt sicher komisch. Aber es ist so. Das, an dem ich gerade mit meinen, ich muss, nein will, das noch mal sagen, wundervollen KollegInnen arbeite. Es gibt da immer etwas Außergewöhnliches, Erinnernswertes …

Jasmin Pond: Eine letzte Frage noch. Es ist viel los auf dem Buchmarkt, die ganze Welt rund ums Schreiben verändert sich. Was glauben Sie, wohin wird es sich in den nächsten Jahren entwickeln?

Anke Gasch: Meine Kristallkugel ist leider gerade außer Dienst … 😉 Nein. Im Ernst. Die Geschwindigkeit, mit der sich die Dinge ändern, ist rasant. Das birgt Chancen und Risiken. Damit die Chancen überwiegen, kann ich nur allen raten, die (Autoren-)Welt von morgen mitzugestalten – in ihrem Sinne. Ausgehend von den Fragen: Was ist mir persönlich das Urheberrecht wert? Welchen Teil meiner Arbeit verschenke ich vielleicht gern, was brauche ich – vom Einkommen bis zu den Arbeitsbedingungen –, um Qualität zu liefern und andere Menschen mit meinen Themen zu berühren? Was kann ich wo konkret dafür tun, dass ich bekomme, was ich brauche? … Ob sich irgendwann die Verlage bei AutorInnen bewerben und nicht umgekehrt? Es bleibt spannend!

Ich bedanke mich ganz herzlich bei Frau Gasch für das Interview und freue mich sehr an dieser Stelle verraten zu können, dass ich auch in Zukunft mit der Federwelt  zusammenarbeiten werde. Auch in diesem Punkt kommen noch spannende Zeiten und bestimmt eine spannende Ausgabe auf uns zu.

Eure Jasmin Pond

 

* Titelbild von Kerstin Krüger

4 Gedanken zu „Interview mit Anke Gasch – Chefredakteurin der Federwelt

  1. Sehr schönes Interview, vielen Dank.
    Ich bin schon lange eifrige Leserin der Federwelt, die ich sehr schätze. Und ich mag an Anke Gasch, dass sie ihren eigenen Werdegang nicht vergisst und sich für ihre Autoren so freut und einsetzt.
    Herzliche Grüße und viel Erfolg,
    Andrea

    • Danke Andrea, freut mich, dass es dir gefällt.
      Ich finde auch, dass sie sich großartig für andere einsetzt. 🙂

      Liebe Grüße
      Jasmin Pond

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