Interview mit Leonie Swann

Glennkill, Garou, Dunkelsprung, Gray … ich hab sie alle verschlungen. Leonie Swann ist bei Weitem nicht die Einzige, aber wenn ich an deutsche BestsellerautorInnen denke, fällt mir persönlich als Erstes ihr Name ein. Und es freut mich tierisch, dass ich die Möglichkeit hatte ein Interview mit der Schöpferin einiger meiner Lieblingsromanhelden zu führen.

Jasmin Pond: Frau Swann, Wenn ich es richtig verstanden habe, war bei Ihnen am Anfang die Geschichte. Der Wunsch sie zu veröffentlichen, ist erst viel später gekommen. Stimmt das so?

Leonie Swann: Ja, anders herum kann ich mir das ehrlich gesagt auch gar nicht vorstellen. Ich denke, man muss erst einmal wissen, was man so vor sich hat, bevor man darüber nachdenken kann, es zu veröffentlichen. Es macht doch wenig Sinn, einfach irgendetwas veröffentlichen zu wollen. Ich habe lange mit der Geschichte gespielt, weil sie mir Freude bereitet hat. Und dann kam irgendwann der Punkt, an dem ich dachte: das ist keine schlechte Geschichte – vielleicht wird sie anderen ja auch Freude machen!

Jasmin Pond: Wie haben sie dann das Buch an den Verlag gebracht? Sind sie den üblichen Weg gegangen? Exposé und Textprobe an verschiedene Verlage senden?

Leonie Swann: Zuerst schon – ohne jeden Erfolg. Ich habe brav meine Textproben eingeschickt und standardisierte Antworten bekommen. „Danke für Ihr Manuskript, wir haben es mit Interesse gelesen, leider passt es nicht…“ Einmal kam diese Antwort sogar schon, bevor ich den Text überhaupt losgeschickt hatte, nur weil ich den Verlag wegen einer Formatierungsfrage kontaktiert hatte. Da wurde mir klar: so geht das nicht. Niemand liest das.
Durch Bekannte wurde ich auf eine Literaturagentin aufmerksam. Sie las mein Manuskript, mochte es und bot es an. Innerhalb kurzer Zeit bekam ich Angebote von verschieden Verlagen. Ich würde jedem Autoren empfehlen, sich einen guten Agenten zu suchen. Es macht das Leben und Schreiben deutlich leichter.

Jasmin Pond: Mein persönlicher Endgegner ist immer das Exposé. Ist ihnen das Zusammenfassen des Romans leicht gefallen? Haben Sie da evtl. Tipps?

Leonie Swann: Ich würde sagen, es geht nicht unbedingt darum, den Inhalt zusammenzufassen. Wenn ich das versuche, quetsche ich zu viel hinein und die Sache wird unelegant. Wichtiger ist es mir, ein Gefühl für die Tonlage des Buches zu vermitteln: wer sind die Hauptfiguren? Wie ticken sie? Welche Herausforderungen trägt die Story an sie heran? Ich persönlich finde auch, dass es gar nichts schadet, hier die eine oder andere Frage zu formulieren oder einen Widerspruch anzudeuten, um die Neugier zu wecken. Kurz: es sollte Spaß machen, das Exposé zu lesen – genau wie später das Buch.

Jasmin Pond: Sie haben bisher vier Bücher veröffentlicht. Dunkelsprung sticht mit seiner „vielleicht märchenhaften“ Handlung ein wenig heraus. Gibt es dazu eine Hintergrundgeschichte? Wie entstand dieses Buch?

Leonie Swann: Nach zwei Schafskrimis, die doch sehr spezifisch auf der Weide angesiedelt waren, hatte ich einfach Lust, meine schriftstellerischen Freiheiten einmal so richtig auszunutzen und der Phantasie freien Lauf zu lassen, Grenzen zu überschreiten, Sprünge aller Art zu wagen. Ganz konkret kam ich aber auf den Flohgedanken, weil ich diese kuriose kleine Geschichte im Radio gehört hatte: ein Flohzirkus suchte händeringend nach Darstellern, nachdem ihm seine Flohartisten bei einem plötzlichen Kälteeinbruch erfroren waren. Meine Neugier war geweckt!

Jasmin Pond: Haben Sie für Bücher wie Dunkelsprung oder Glennkill recherchiert? Wie sah die Recherche mit/über Schafe und Flöhe aus? Das stelle ich mir schon spannend vor.

Leonie Swann: Natürlich muss man bei solchen Themen recherchieren – ich mache das aber meistens nicht vorher, sondern parallel zum Schreiben. Dabei habe zwar schon eine ziemlich genaue Idee, wo die Geschichte hingehen soll, möchte aber sicherstellen, dass ich die Fakten richtig darstelle.
Für die Schafsbücher habe ich Feldforschung betrieben, Schafe beobachtet, mit Schäfern und Schafexperten gesprochen und auch das eine oder andere Buch gelesen. Die Bücher waren manchmal etwas deprimierend, weil es da doch sehr schnell um Ertrag und Fleischqualität ging…
Für die Flöhe habe ich auch gelesen (u.a. Brendan Lehane, „The Compleat Flea“) und mich in Cambridge mit einem Entomologen und Flohexperten zusammengesetzt. Cambridge, wo ich viel Zeit verbringe, ist überhaupt ein sehr fruchtbares Revier – man kann praktisch für jedes erdenkliche Thema den passenden Experten finden! Am eigenen Leib wollte ich dieses kitzelige Thema aber dann doch nicht erforschen!
Und für „Gray“ habe ich mich tiefer in die doch sehr eigene und geheimnisvolle Welt der Colleges von Cambridge gewagt – und nebenbei auch noch mit Graupapageien geflirtet! Das ist das Schöne an einem Buchprojekt: jedes eröffnet einem eine neue, spannende kleine Welt!

Jasmin Pond: Mir quatschen meine Romanfiguren immer dazwischen. Sie behaupten grundsätzlich, alles besser zu wissen. Unterhalten Sie sich auch manchmal mit ihren Charakteren? Frei nach dem Motto: „Was würde Miss Maple tun?“

Leonie Swann: Ich folge da meist dem Motto: „Die Romanfigur hat immer Recht!“ Wenn die Figur schon so lebendig und komplex ist, dass sie sich zu Wort meldet, ist das doch wunderbar! Ich habe beim Schreiben eigentlich meistens das Gefühl, meine Helden einfach kennen zulernen und nicht zu erfinden. Sie sind da, haben ihre eigene Logik und Dynamik und entwickeln ein Eigenleben. Das muss ich ernst nehmen und kann nicht einfach dazwischenfunken. Möchte ich auch gar nicht!

Jasmin Pond: Angeblich möchte jeder Dritte da draußen mal ein Buch schreiben. Wenn wir ehrlich sind, geht es dabei sogar um den Traum vom Bestseller. Bei mir ist das auf jeden Fall so. Wen fragt man da besser nach seiner Erfahrung als eine Bestsellerautorin. Was denken Sie, hat ihre Bücher zu Bestsellern gemacht?

Leonie Swann: Wenn man das so einfach sagen könnte, hätte sicher schon jemand ein Buch darüber geschrieben – und das wäre mit ziemlicher Sicherheit ein Bestseller! Ich glaube eigentlich daran, dass Bestseller nicht einfach gestrickt werden können. Da muss einiges zusammenkommen: Marketing, Zeitgeist, der richtige Moment, sicher auch Glück und Zufall.
Als Schriftsteller muss einen das aber nicht wirklich interessieren. Für uns geht es nur darum, eine möglichst gute Geschichte auf die Beine zu stellen, ohne persönliche Eitelkeit, vorschnelle Schlüsse und billige Effekte. Etwas, an das wir glauben, ein Stückchen Illusion, Realität und Wahrheit, alles gleichzeitig. Und wenn man das so gut wie möglich geschafft hat, muss man einfach hoffen und abwarten.

Jasmin Pond: Und was war das außergewöhnlichste oder lustigste, was ihnen im Zusammenhang mit ihren Büchern (oder dem Schreiben) je passiert ist?

Leonie Swann: Die lustigsten, berührendsten und erstaunlichsten Dinge habe ich meinen Lesern zu verdanken! Da ist der Brief des isländischen Schafes (vom Schäfer übersetzt und zu Papier gebracht), der Plüschfloh (!), der mich auf einer Lesung angesprungen hat, Graupapageienlyrik und – gerade erst gestern – die Geschichte des norwegischen Widders Magnus, der vor dem Metzger gerettet, im Kofferraum durch Oslo geschmuggelt und bei seiner Genesung mit „Glennkill“ unterhalten wurde. Da ist der Brief der achtzigjährigen Ordensschwester, die mich bat, mir beim Schreiben des nächsten Buches nicht allzu viel Zeit zu lassen – sie hätte nicht mehr so lange zu leben – und da sind die vielen Schäfer, die mir Fotos ihrer Herden zu Lesungen mitgebracht haben. Das ist nur eine kleine Auswahl. Meine Leser überraschen mich immer wieder – und ich kann nur hoffen, ich überrasche sie auch!

Jasmin Pond: Die letzte Frage dürfte uns wohl alle interessieren: Ist ein neues Buch in Arbeit? Worauf dürfen wir uns freuen?

Leonie Swann: Ja, ich arbeite an einem neuen Buch und wende mich diesmal der seltsamsten aller Tierarten zu: dem federlosen Zweibeiner! Bin sehr gespannt, wo das hinführt!

Ich bedanke mich ganz herzlich für das Interview.

Wer gerne mehr von und über Leonie Swann lesen möchte, kann sich auf ihrer Autorenseite beim Goldmann Verlag umsehen.

 

 

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