Jetlag im Internet

Dieses ganze Social-Media-Zeug sollte so einfach sein. Aber, wenn man meinen Zahlen glaubt (über Likes, Follower und all den Kram), bin ich richtig schlecht darin.
Und wenn ich ganz ehrlich bin, liegt es mir wirklich nicht. Einen Blog schreiben — ein „Journal“, so wie hier — das kann ich. Hinsetzen, in Ruhe nachdenken, schreiben und an euch raus schicken. Als würde ich einen Brief schreiben.


Aber Facebook, Instagram, Twitter … hier bin ich, das erlebe ich, nur mal kurz, blinken, klicken, suchen, lesen, was ist passiert, guck ma, was machst du und du und du und du … Bilder, Wörter Themen … wenn ich nicht aufpasse, bekomme ich davon Jetlag.

„Jetzt, da sie das weiße Rauschen Londons hört, ist ihr klar, daß Damiens Jetlagtheorie stimmt: daß ihre Seele meilenweit hinterherhängt, erst langsam eingeholt wird, an einer geisterhaften Nabelschnur, in der längst verschwundenen Wirbelspur ihres Flugzeugs hoch über dem Atlantik. Seelen können sich nicht so schnell fortbewegen, also bleiben sie zurück, und man muß auf sie warten wie auf verlorengegangenes Gepäck.“ – William Gibson, Mustererkennung, Seite 9

Ich bin gelernte Softwareentwicklerin. Ich hab seit fast 20 Jahren jeden Tag mit dem IT-Krempel zu tun. Aber wenn es ums Netzwerken geht, bin ich wohl ganz klar der analoge Typ. Gebt mir ein Telefon, zwei Kaffeetassen im Café, Briefpapier und einen Kugelschreiber, oder vielleicht noch einen Laptop und ein Email-Programm. Das kann ich. Da stell ich Beziehungen her, knüpfe Kontakte und baue Netzwerke auf. Schneller, als ihr gucken könnt. Aber Reichweite und Followerzahlen generieren … puh … kommt … ganz langsam …

In der Federwelt hab ich dazu letztens etwas gelesen, was meine Jetlag-Probleme erklären könnte:

„Kognitionspsychologen wie Daniel Kahnemann wissen: Wir haben täglich nur eine begrenzte Kapazität, Entscheidungen zu treffen. Die wird durch unser Online-Dasein arg strapaziert. Denn im Netz müssen wir ständig Entscheidungen treffen, um uns nicht dem schnellen Dopamin-Glückskick hinzugeben, welchen das Gehirn bei einem Like, Herzchen oder blinkender Kommunikation ausschüttet. Irgendwann können wir nicht mehr entscheiden und lassen uns treiben. Mit dem ‚einmaligen‘ Entschluss, das Internet abzustellen, ersparen wir uns dieses Problem.“ – Julia K. Stein, Artikel: „So steigern Sie Ihre Produktivität“, Federwelt Nr. 130, Seite 37

Also die, die das können mit den sozialen Medien, die machen dann was? Die richtigen Entscheidungen treffen? Die richtigen Klicks und Likes setzen und wissen, wie viel sie posten und wann sie aufhören müssen?

Ich weiß nicht, ob ich das noch lerne, ob ich das überhaupt lernen will. Einige sagen: „Du musst, wenn du hier Erfolg haben willst.“ Andere sagen: „Was bringt dir der Blog dann? Warum bist du online?“

Naja, ich glaube nicht an Zahlen. Oder sagen wir mal, ich glaube nicht, dass man Erfolg immer in Zahlen messen kann.

Ich versuche hier nicht, alle zu erreichen. Ich versuche nicht mal, möglichst viele zu erreichen. Aber vielleicht erreiche ich ja den ein oder anderen “richtigen”. Vielleicht kann jemand von euch eine nützliche Buchempfehlung mitnehmen, oder einen Gedankengang zu einem Schreibthema, der ihm weiterhilft.

Ich selbst habe durch den Blog bereits mit einer Hand voll Leuten gesprochen, die ich ohne ihn niemals getroffen hätte. Der Blog ist ein Knotenpunkt in meinem Netzwerk. Ein Knotenpunkt zwischen analoger und digitaler Kommunikation. Mein “Schreiber-Ich” im Internet.

Wieviel „ich“ braucht ein Schriftsteller im Internet? Was meint ihr?

Ich hab ehrlich keine Ahnung. Ich übe noch.
Was ich rausgefunden hab:

Social Media: Nicht so meins!

 

 

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