Maudes zuckende Öhrchen

Der Cursor blinkt und blinkt … und immer noch steht kein einziges Wort auf der ersten Seite.

Normalerweise mach ich mir um den ersten Satz einer Geschichte nicht so viele Gedanken. Das Exposé, sprich der grobe Plot-Ablauf, und das erste Kapitel entstehen irgendwie gleichzeitig. Erstmal die Rohfassung der ersten Seiten runter schreiben (so als Testgebiet für die Charaktere). Klappt gut? Plot steht? Dann wird nochmal überarbeitet und umgeschrieben, bis das erste Kapitel passt.

Aber diesmal liegt die Messlatte leider höher. Ich hab nämlich ins Internet geguckt. Mach ich schon mal (manchmal sogar mehrmals am Tag). Dieses Mal war es ein Fehler.

Wusstet ihr, dass es 2007 einen Wettbewerb zum schönsten ersten Satz der deutschsprachigen Literatur gegeben hat? Jede Menge Diskussionen darüber was ein guter erster Satz ist und was nicht … tut dem eigenen ersten Satz gar nicht gut, wenn man so viel darüber nachdenkt.

Gewonnen hat übrigens „Ilsebill salzte nach.“ Aus dem Roman „Der Butt“ von Günter Grass. Kein schlechter erster Satz, hat irgendwie was. Schön kurz und mit viel Charakter.

Einige meiner Lieblingsbücher haben ziemlich coole Anfangssätze:

“An ihrem sechzigsten Geburtstag zog meine Tante Poldi nach Sizilien, um sich dort gepflegt zu Tode zu saufen und dabei aufs Meer zu schauen.” — Mario Giordano: Tante Poldi und die sizilianischen Löwen

“Mr und Mrs. Dursley im Ligusterweg Nummer 4 waren stolz darauf, ganz und gar normal zu sein, sehr stolz sogar.” — Joanne K. Rowling: Harry Potter und der Stein der Weisen

„Jeder in meinem Alter erinnert sich daran, wo er war und was er gerade getan hat, als er zum ersten Mal von dem Wettbewerb hörte.“ — Ernest Cline: Ready Player One

Aber gottseidank gibt es auch ein paar, die ich sofort wieder weglegen würde, wenn ich nach dem ersten Satz entscheiden müsste:

“Zu den ersten Fällen, an denen ich bei Lockwood & Co. mitgearbeitet habe, möchte ich hier nicht viel sagen.” — Jonathan Stroud: Lockwood & Co.

… dann sagst du eben nichts dazu. Gib mir mal das nächste Buch.

“An diesem letzten Nachmittag des Jahres war es schon ungewöhnlich früh stockdunkel geworden.” — Michael Ende: Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch

… dunkel … Aha! Ich geh lieber schlafen. Vielleicht lese ich morgen.

Beide Bücher stehen im Regal bei meinen „Lieblingen“ und das beruhigt mich ziemlich. Man kann also auch gute Bücher schreiben und gleichzeitig den ersten Satz versemmeln.

Ich persönlich würde niemals nur einen einzigen Satz lesen um zu entscheiden, ob ich ein Buch kaufen möchte, oder nicht. Habe daher schon einige tolle zweite Sätze getroffen. Hier ein Beispiel:

“Gestern war er noch gesund”, sagte Maude. — Leonie Swann: Glennkill

Zweiter Satz im selben Buch:

“Ihre Ohren zuckten nervös”.

Und diese beiden Sätze gewinnen noch mehr, wenn man sich die Mühe macht, bis zum Ende des ersten Absatzes weiter zu lesen:

“Das sagt gar nichts”, entgegenete Sir Ritchfield, der älteste Widder der Herde, “er ist ja nicht an einer Krankheit gestorben. Spaten sind keine Krankheit.”

Mittlerweile bin ich schon wieder so beruhigt, dass ich endlich mit dem ersten Kapitel loslegen möchte, aber ein Beispiel hab ich noch:

„Alles begann an einem kalten Dienstag im Januar, morgens um halb zwei, als Martin Turner, Straßenkünstler und nach eigenen Worten Gigolo in Ausbildung, vor der Säulenvorhalle von St. Paul’s am Covent Garden über eine Leiche stolperte.“  — Ben Aaronovitch: Die Flüsse von London

Gefällt mir persönlich überhaupt nicht. Viel zu sperrig und Martin Turner ist weder die Hauptperson des Romans noch interessiert er mich in der weiteren Geschichte besonders. Dafür findet sich am Ende von Seite 7 dieses Romans ein Satz, der sich hervorragend ganz oben unter der Kapitelüberschrift ausgemacht hätte:

„Manchmal denke ich, dass mein Leben viel weniger interessant und ganz bestimmt sehr viel weniger gefährlich verlaufen wäre, wenn nicht Lesley, sondern ich Kaffee holen gegangen wäre.“

Auch dieses Buch (und die Nachfolger aus der Reihe) stehen bei meinen Lieblingen. Wohingegen ich immer noch recht wenig Verlangen verspüre „Der Butt“ von Günther Grass zu lesen.

Denkt euch also mein Fazit (wichtig ist, dass wir alle sorgenlos unsere ersten Kapitel tippen können) und schaut euch hier noch kurz meinen Lieblings-Ersten-Satz an:

 

„Es ist eine Wahrheit, über die sich alle Welt einig ist, daß ein unbeweibter Mann von einigem Vermögen unbedingt auf der Suche nach einer Lebensgefährtin sein muß.“ —  Jane Austen: Stolz und Vorurteil

 

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