Über die Charaktertiefe von blauen Muggelsüßigkeiten

Manchmal (ok oft) unterhalte ich mich mit meinen Romanfiguren, manchmal (noch öfter) rumoren sie bloß in meinem Hinterkopf herum und quatschen mir frech dazwischen und manchmal (ach was, immer!) glauben sie, alles besser zu wissen als ich.

Gestern waren sie sauer. So richtig sauer. Diese eingeschnappte, nachtragende Art von Persönlich-Angepisst-Sein-Sauer. Salem und Tenazius zumindest — meine Hauptfigur und sein Schriftführer.
Warum? Weil ich es gewagt hatte darüber nachzudenken, ob und in wie weit meine Figuren stereotyp sind.

Nee, fanden sie nicht gut. Passt auch nicht zu ihnen, solch eine Frage einfach auf sich sitzen zu lassen. So was führt augenblicklich zu einem wütenden Ansturm von Erklärungen und detailgenauen Erörterungen warum und wieso sie bitteschön einzigartig sind … und tiefgründig wie der Marianengraben.

Ich hatte, bei all dem „Krach“, ziemliche Probleme mich weiter aufs Autofahren zu konzentrieren. Natürlich war ich wieder einmal auf dem Weg von der Arbeit zum Kindergarten. Mein bevorzugter Zeitpunkt um kurz den Alltag zu vergessen und gedanklich in literarische Gefilde abzutauchen (nur bitte immer schön an den Schulterblick beim Spurwechsel denken).

Hilft aber nichts, da können die beiden noch so Meckern. Die Stereotypen-Überprüfung ist meiner Meinung nach für Romanfiguren genauso Pflichtprogramm wie der TÜV-Termin für mein Auto oder mein jährlicher Check beim Zahnarzt.

Ich hatte mir schon einmal Gedanken darüber gemacht, aber das ist jetzt schon ein paar Jahre her (wie gesagt, dieses Manuskript geht in die dritte Runde) und deshalb macht es durchaus Sinn, das Thema noch einmal aufzugreifen.

Aber wo genau verläuft die Grenze zwischen Typ und Stereotyp. Ich meine Typen lieben wir doch alle ein bisschen, oder? Den „hard-boiled Detektiv mit Zynismus im Waffenholster“, den „Trickbetrüger mit Herz, der sich am Ende aus allem raus windet“ oder die „Mutti ohne Schulbildung, die es den großen Konzernbossen zeigt“.

Und machen wir uns nichts vor, alles ist irgendwie so oder so ähnlich schon mal da gewesen. Als Autor, oder Geschichtenerzähler kann man nur die verschiedenen Geschichtenelemente neu kombinieren und dem ganzen eine persönliche Note geben. Wenn man es gut macht, reicht das völlig. Aber wie macht man es gut? Bis zu welchem Punkt bleibt die Romanfigur ein Stereotyp und ab wann fängt eine Figur vom Typ „Omis die man nicht unterschätzen sollte“ an, ein Unikat namens Miss Marple zu werden?

Oberflächlichkeit, sprich mangelnde Tiefe” sind da scheinbar die Schlagwörter. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern wo, aber in irgendeinem schlauen Buch hab ich mal gelesen, dass stereotype Figuren solche sind, die in allen Punkten unseren Erwartungen entsprechen. Erst wenn sie einen unerwarteten Charakterzug an sich haben, bekämen sie die notwendige Tiefe. Klingt irgendwie logisch, kann aber (bei genauerem Nachdenken) nur bedingt stimmen. Ich meine, wenn ich einem stereotypen Charakter in einem Roman begegne, fühle ich mich meist gelangweilt oder bin sogar verärgert. Wenn ich allerdings ein neues Buch finde, dass alle meine Erwartungen erfüllt, lese ich es zufrieden oder sogar begeistert.

Also ist es nicht so sehr die Erwartungshaltung selbst? Vielmehr der Bruch mit dem, was man erwarten könnte? Das Unerwartete, sprich die Überraschung?

Auch nur bedingt. Es muss schließlich zum Charakter passen. Die ganze Sache muss rund sein. Überraschend, aber stimmig. Ist es also nicht besser, wenn dem Leser gar nicht auffällt, was genau diese oder jene Figur so besonders macht.

Das ist ganz schön kompliziert!

Man nehme also eine Figur von einem bestimmten Typ und gebe ihr einige Charakterzüge, die man so nicht direkt erwarten würde, passe aber auf, dass diese Züge nicht zu sehr (vor allem nicht negativ) auffallen.

Und jetzt noch mal Vorsicht: Auch gewisse „unerwartete Eigenschaften“ können schon stereotyp sein. Was mir z.B. immer wieder auffällt, ist die weitverbreitete Autoren-Angewohnheit Romanfiguren über ihre Essgewohnheiten zu charakterisieren. Besonders beliebt: Süßigkeiten
Zynische Cops mit Lollis, amerikanische Schlägertypen mit Heißhunger auf Twinkies, halbwüchsige Halbgötter mit Vorliebe für Süßigkeiten jeder Art, vorausgesetzt sie sind blau …

Wobei Moment … das mit den blauen Gummibärchen hat schon wieder was. Zum einen werden hier Geschmäcker und Farben kombiniert, zum anderen hat das Erste mit dem Alter, dass Zweite entscheidend mit dem Hintergrund der Romanfigur zu tun. Wir sprechen in diesem Fall nämlich von Percy Jackson, seines Zeichens zwölf und Sohn des griechischen Gottes Poseidon. Poseidon – Meer – Wasser – Blau.

Da fällt mir ein, dass auch Albus Dumbledore (Orden des Merlin erster Klasse, Hexenmeister, Ganz Hohes Tier, Internationale Vereinigung der Zauberer) eine erstaunliche Vorliebe für Süßes jeder Art aufweist. Ich weiß nicht, wie ihr das seht, aber meiner Meinung nach ist Dumbledore alles andere als stereotyp. Dabei haben wir mit ihm eine geradezu typische Zauberlehrling-Zaubermeister Typenkombination in den Harry Potter Romanen.

Aber Dumbledore stellt sich unter „ein paar Worten zur Eröffnung des Schuljahres“ auch folgendes vor: „Schwachkopf! Schwabbelspeck! Krimskrams! Quiek!“ (Harry Potter und der Stein der Weisen S. 136 ) Und es ist nicht nur der übliche Zauberer-Süßkram, den er mag. Es dürfen auch gerne diverse Naschereien der Muggel sein.

Die Vorliebe für Süßigkeiten dieser Figur ist also mehr als ein Accessoire. Rowling benutzt sie als Statement und (zusammen mit dem Humor) als Ausdruck einer offenen, kindlich-neugierigen Haltung. Ein Charakterzug, der im Kampf gegen den Widersacher Lord Voldemort entscheidende Vorteile bringt.

Da ist sie also versteckt, die Charaktertiefe? In der Kombination der Charaktereigenschaften und deren Bezug zur Geschichte?

Eine liebevolle Mischung aus erwarteten und unerwarteten, vor allem aber zueinander im Bezug stehender Eigenschaften, die unseren Figuren dabei helfen, ihre jeweilige Aufgabe im Roman zu meistern.

Kann man es so formulieren?
Was meint ihr?

3 Gedanken zu „Über die Charaktertiefe von blauen Muggelsüßigkeiten

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