Überlebensgroße Charaktere

Und ich suche schon wieder. Diesmal nicht bei Google, sondern in den Schreibratgebern auf meinem Bücherregal. Irgendwo hab ich das doch gelesen…. wo zur Hölle stand denn das?!

Während Spiderman in meinem Hinterkopf klein Boris‘ Fieberthermometer checkt, blättere ich hier und blättere da. Aber entweder bin ich zu blind oder in all den schlauen Büchern auf meinem Regal gibt es nicht ein einziges Kapitel zum Thema „überlebensgroße Charaktere“.

In meinem letzten Post hab ich angekündigt, dass es heute genau darum geht. Und jetzt finde ich die Referenz nicht. Ist ziemlich ärgerlich aber dann muss es halt aus dem Kopf und mit Hilfe von „Serienmaterial“ gehen.

Soweit ich mich erinnere definiert sich ein überlebensgroßer Charakter durch Umstände und Aktionen. Beide müssen so „groß“ sein, dass wir den Mund gar nicht mehr zu kriegen und ganz demütig werden, wenn wir sie mit unserem eigenen Leben vergleichen.

Gar nicht so einfach, diese Definition. Ein Hartz 4 Empfänger wird durchaus ins Schwitzen kommen, wenn er die Geldbeträge sieht, die einer der höheren Abteilungsleiter von Microsoft in seine Jahresbudgetplanung einträgt. Für den Abteilungsleiter ist das Planen mit solchen Summen allerdings langweiliger Alltag.

Soll heißen, diese beiden Punkte müssen zueinander in Bezug stehen. Ein Überlebensgroßer Charakter handelt in einer (für seine Lebensumstände) außergewöhnlichen Situation außergewöhnlich gut.

Ich seh Spiderman in meinem Hinterkopf lässig den Kopf schieflegen. Klar, der überlebensgroße Charakter schlechthin ist der klassische Superheld. Er kann mehr als der Otto Normalmensch und er kämpft nicht gegen den Nachbarn mit dem Grünschnittfimmel, sondern gegen Superschurken.

Ich habs da nicht so mit Superhelden. Aber wenn ich mir meine drei absoluten Lieblingsserien im Fernsehen mal genauer angucke, sind das ausschließlich Serien mit überlebensgroßen Figuren.

Sherlock, Suits und Dr. Who
(Dexter hätte auch in die Liste gehört, aber da haben sie mir das Ende versaut)

Sherlock Holmes ist per Definition einfach nur ein Privatdetektiv, Harvey Specter ist Anwalt und… gut Dr. Who hat jetzt nicht so den Standardjob… aber mal ehrlich wenn einer Raum, Zeit und alle existierenden Universen rettet, nur bewaffnet mit einer Polizei-Notruf-Box, einem Schraubenzieher und einem zusätzlichen Herzen… das muss man doch lieben!

Nehmen wir der Einfachheit halber Sherlock Holmes. Er ist ein Mensch wie du und ich und er arbeitet als Privatdetektiv. Er hat eine außergewöhnliche Wahrnehmung für Details und eine besondere Kombinationsgabe, deshalb ist er einer der besten Detektive aller Zeiten. Und natürlich ist auch sein Gegner Moriarty außergewöhnlich gerissen. Soweit so gut.

Und dann nehme ich seufzend mein Manuskript zur Hand und denke: „Nicht gut.“

Wenn ich mir meinen Hauptcharakter Salem Bonnfire angucke, dann hab ich ihn ursprünglich mal als überlebensgroße Figur angelegt. Ich meine, offiziell als Inquisitor zu arbeiten und Hexen zu verfolgen, aber heimlich dabei eben diese Hexen vor genau dieser Verfolgung zu bewahren, ist schon für einen Erwachsenen eine ziemlich verzwickte Aufgabe. Salem Bonnfire ist aber erst 12 Jahre alt. Für einen Zwölfjährigen in einer Erwachsenen-Welt ist so etwas eine außergewöhnlich schwere Situation.

Die Umstände habe ich also aber das maximale Potential, die Aktionen fehlen. Natürlich räumt Salem alle Probleme aus dem Weg, rettet die Hexe und es gibt ein Happy End. Aber so richtig außergewöhnlich verhält er sich dabei nicht. Eher wie ein gewitzter, aber ganz normaler Junge. Diese Momente, wo man denkt „Wow, cool!“… davon hab ich kaum welche.

Irgendwie ist die „Überlebensgröße“ unter den Tisch gefallen. Warum eigentlich? Vielleicht weil ich so sehr damit beschäftigt war, den Plot diesmal besser auf die Reihe zu kriegen. Vielleicht weil ich dachte, was er tut wäre schon genug?

Dabei ist es in meinen 15 Seiten Charakterisierung drin. Salem Bonnfire könnte außergewöhnlich sein, wenn ich ihn ließe.

Im Nachhinein betrachtet glaube ich: Ich hab mich einfach nicht getraut. Ganz simpel. Ich habe meine Hauptfigur „normal“ sein lassen, weil „normal“ etwas ist, was ich schreiben kann. Mich an das Außergewöhnliche zu wagen, dazu fehlte mir wohl der Mut.

Und das, wo ich die besten Vorlagen direkt vor der Nase habe!

Also hier ist der Plan: Ein paar Abende Recherche auf der Couch. Lieblingsserie an. Stift und Papier bereitlegen und genau zugucken, wie es gemacht wird. Die eigenen Ideen, die kommen dann schon ganz von selbst. Wirken lassen, mind-mappen, überdenken und dann nochmal richtig ran an den Text. Mit vollem Potential!

“Wir sollten keine Angst davor haben
von größerem zu träumen, Darling!”

 

Zitat aus dem Film Inception

 

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